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Susanne AlbrechtDie Stasi-Karriere der RAF-Terroristin

Bisher unbekannte Dokumente zeigen, wie die einstige Terroristin Susanne Albrecht für den DDR-Geheimdienst gearbeitet hat. Die Hamburger Großbürgertochter, die an der Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto beteiligt war, denunzierte unter anderem eine enge Freundin. morgenpost.de liegt ihre Stasi-Akte vor.

Bild aus der Morgenpost

Das ist Susanne Albrecht auf einem Foto aus den 70er-Jahren. Sie entstammt einem bürgerlichen Elternhaus.

Foto: dpa

Von Sven Felix Kellerhoff und Uwe Müller

Darf eine verurteilte Terroristin Kinder unterrichten? Diese Frage hat im Bremer Bürgerschaftswahlkampf für heftige Kontroversen gesorgt. Denn in der Stadt an der Weser lebt und lehrt Susanne Albrecht, wenngleich unter anderem Namen. Die Hamburger Großbürgerstocher wurde 1991 zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt - wegen ihrer Mitgliedschaft in der RAF sowie der Beteiligung an Mord und Mordversuchen. Bereits nachdem sie die halbe Strafe verbüßt hatte, kam Albrecht frei. Heute arbeitet sie für einen freien Träger als Lehrerin.

Wie weit darf, wie weit soll die Resozialisierung von Straftätern gehen? Eltern von Bremer Kindern, die die heute 56-Jährige unterrichtet, haben sich für Albrecht ausgesprochen - trotz ihrer RAF-Vergangenheit. Doch Susanne Albrechts Biografie weist noch einen anderen dunklen Flecken auf, der jüngeren Datums ist - die Verstrickung in das DDR-Unrechtssystem. WELT ONLINE liegt die Akte vor, die das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) einst über Susanne Albrecht geführt hat. Es sind rund 300 aufschlussreiche Seiten. Erst ihre Lektüre ergibt ein vollständiges Bild.

Vermutlich mit Billigung des Staatsratsvorsitzenden und SED-Generalsekretärs Erich Honecker tauchte die Terroristin im Jahre 1980 in der DDR unter. In der neuen Heimat diente sie der Stasi jahrelang als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM), unter dem Decknamen "Ernst Berger". Jene Frau, die im Westen gegen das als "Gefängnis" empfundene freiheitlich-demokratische System revoltiert hatte und dabei buchstäblich über Leichen gegangen war, arrangierte sich im Osten schnell mit dem Regime der totalitären Staatspartei SED. Nicht einmal vor der Denunziation von Kolleginnen schreckte sie zurück.

Die Teilnahme am mörderischen Amoklauf des Linksterrorismus wiegt zweifelsfrei schwerer als die Spitzeltätigkeit. Doch eines verbindet beide Lebensphasen: Skrupellos missbrauchte Albrecht das Vertrauen ihr nahe stehender Menschen.

Vor dreißig Jahren hatte Albrecht den Mord an dem Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto ermöglicht. Der ist ein guter Freund ihres Vaters sowie Patenonkel der Schwester, sie selbst im Haus der Pontos stets willkommen. Für den 30. Juli 1977 kündigt Albrecht ihren Besuch an. Gemeinsam mit ihr können zwei RAF-Aktivisten, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, die Villa des Bank-Chefs betreten. Was folgt, ist eine Hinrichtung. Ponto hinterlässt eine Frau und zwei Kinder - den Bekennerbrief unterschreibt Albrecht persönlich.

Vor zwanzig Jahren hat sich Albrecht, die damals als Diplomlehrerin für Fremdsprachen an der Fachhochschule der Residenzstadt Köthen (heute Sachsen-Anhalt) beschäftigt ist, mit einer Arbeitskollegin angefreundet. Man duzt sich, unternimmt mit Studenten Exkursionen nach Dresden, Weimar und Ost-Berlin. Die Freundin schüttet ihr Herz aus. Sie erzählt, dass sie eigentlich keine Lehrerin sei, sondern Germanistin. Dass sie einst das Angebot ausgeschlagen hat, zum Fernsehen zu gehen, weil dort die Wahrheit unterdrückt werde. Dass sie hoffe, bald eine interessante Stelle an der Universität Jena zu erhalten.

Es ist fraglich, ob dieser Wunsch in Erfüllung geht. Denn Albrecht berichtet dem MfS - ihr handschriftlicher Spitzelbericht ist neun Seiten lang. Aus einer RAF-Kämpferin wird eine Helfershelferin der Stasi-Tschekisten: Diese abenteuerliche Geschichte spielt in der Zeit der staatlichen Teilung, als das eine Deutschland mit Hochdruck nach RAF-Tätern fahndet, während das andere ihnen heimlich Unterschlupf gewährt. Zehn international gesuchte Linksextremisten, die aus dem "bewaffneten Kampf" aussteigen wollen, nimmt die DDR Anfang der achtziger Jahre auf.

Diskret führt Stasi-Minister Erich Mielke dabei Regie. Nach der Vereinigung Deutschlands 1990 müssen sich drei seiner Offiziere wegen Strafvereitelung verantworten. Die Verfahren enden mit Freisprüchen. Den Angeklagten attestiert das Landgericht Berlin sogar hehre Motive: Das eigentliche Ziel ihres Handelns sei die Verhinderung weiterer Anschläge gewesen - und die Resozialisierung der Aussteiger. Darüber, wie Susanne Albrecht in die Gesellschaft der DDR eingegliedert wird, gibt eine verlässliche Quelle Auskunft - ihre Stasi-Akte, fast 300 Seiten dick. Im September 1980 wird Albrecht über Prag in die DDR eingeschleust und dort einen Monat später eingebürgert - als "Ingrid Jäger".

Die in der Birthler-Behörde überlieferten Dokumente zeigen, wie viel Energie das MfS aufwendet, um die Westdeutsche mit einer perfekten Legende auszustatten. Über Dutzende Seiten finden sich handschriftlich verfasste Lebensläufe von Susanne Albrecht. Sie enthalten neben dem falschen Namen ein falsches Geburtsdatum (10. April statt 1. März 1951), einen falschen Geburtsort (Madrid statt Hamburg) und eine trickreich konstruierte Familiengeschichte. Die Eltern von "Ingrid Jäger" waren angeblich nach Kanada ausgewandert; darüber sei die Beziehung zur Tochter zerbrochen, die danach aus politischen Gründen in die DDR übergesiedelt wäre.

All das muss Albrecht wieder und wieder von Hand schreiben - wohl, um sich die Details möglichst genau einzuprägen. Um sie und ihre Gesinnungsgenossen auf das Leben im Arbeiter- und Bauernstaat vorzubereiten, richtet die Stasi nahe der Gemeinde Briesen an der Autobahn zwischen Ost-Berlin und Frankfurt (Oder) eigens ein "DDR-Übersiedlungscamp" ein.

Albrechts erdichtetes Vorleben bekommt auch Claus Becker aufgetischt - der ahnungslose Physiker heiratet am 4.¿November 1983 "Ingrid Jäger", aus der damit "Ingrid Becker" wird. Was der Gatte nicht wissen kann: Ohne Ja-Wort der Stasi wäre die Verbindung kaum zustande gekommen. 1984 wird ein Sohn geboren, ein Jahr danach zieht das Paar von Cottbus nach Köthen. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt, wie sich "Ingrid Becker" mit Kolleginnen beim Kaffeekränzchen im Garten vergnügt. Als "stinkbürgerlich" und "politische Spießer" hatte Albrecht ihre Eltern einst bezeichnet. Nun verschreibt sie sich selbst der Biederkeit.

Davon jedoch weiß selbst in der Staatssicherheit nur ein handverlesener Kreis. Die meisten Mitarbeiter sind ahnungslos, gerade die in der für Terrorabwehr zuständigen Abteilung XXII: Fleißig sammeln sie weiterhin Hinweise, die sich zu Susanne Albrecht finden. Am 28. August 1987 stellt ein Sachbearbeiter ein "Ersuchen zur Verlängerung der Fahndung" bis September 1990. Auf einem Personalbogen wird vermerkt: "Über den gegenwärtigen Aufenthaltsort der Albrecht liegen keine Angaben vor."

Der Stasi-Mann, der dies aufschreibt, hätte nur ein paar Türen weiter gehen müssen: zu seinem Vorgesetzten, Abteilungsleiter Harry Dahl. Der Chef der Terrorabwehr weiß genau, wo sich die Gesuchte aufhält. Er hat ihr sogar einen persönlichen Betreuer zur Seite gestellt. Man hält ständig Verbindung, und für den Fall der Fälle ist festgelegt, wie der Kontakt hergestellt werden soll.

Anfangs verhält sich Albrecht durchaus nicht so, wie sich das die Stasi wünscht. Zwar engagiert sie sich bald nach ihrer Einbürgerung als Funktionärin bei der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft, doch in einer nicht datierten "Sicherheitsanalyse" heißt es: "1981 unterlief der IM bewusst erteilte Auflagen, indem sie sich über eine notwendige Kontaktsperre zu ehemaligen Mitgliedern der Gruppe Stern hinwegsetzte." Im Klartext: Albrecht hat sich mit anderen in der DDR untergetauchten RAF-Terroristen getroffen. Nach diesem "Ausbruch" zeigt sie sich aber offenbar gefügig: "Durch gezielte disziplinarische Einwirkung sowie der kontinuierlichen Weiterführung des Qualifizierungs- und Erziehungsprozesses konnten diese Verhaltensweisen weitestgehend beseitigt und überwunden werden."

Zu den aus Stasi-Sicht erfreulichen Ergebnissen der "Erziehungsarbeit" gehört, dass die Terroristin sich der Akte zufolge im Jahre 1986 auch ganz förmlich zur "inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS verpflichtet". Dazu sind zahlreiche Spitzelberichte erhalten - so wie der über die Arbeitskollegin, deren Freundschaft Susanne Albrecht missbraucht. Bei einer anderen Kollegin darf "Ingrid Jäger" hospitieren. Diese sei "immer distanziert und freundlich", verrät sie als IM "Ernst Berger" der Stasi. Trotzdem berichtet sie negativ: "In der unterrichtsfreien Zeit fiel mir bei ihr besonders auf, dass sie, bei Anwesenheitspflicht, nicht wusste, womit sie sich beschäftigen sollte". Sie frage sich, was die Lehrerin "in ihrer reichlichen Freizeit macht, da deutlich ist, dass sie sich kaum auf den Unterricht vorbereitet".

In anderen Berichten hält die Diplomlehrerin fest, wie man in ihren Kreisen über Ausreiseanträge spricht, wer Kontakte in die Bundesrepublik pflegt und welche Kollegen über private und familiäre Dinge reden. Ihren Chef schwärzt sie als "Mitglied der Solidarnosc" an. Die fragmentarischen, teilweise von der Birthler-Behörde stark anonymisierten Unterlagen zeigen, dass die Berichte in gleich mehreren Fällen das Interesse der Stasi wecken - ob die Betroffenen dadurch Schaden genommen haben, ist aber nicht erkennbar.

Im September 1986 gerät "Ingrid Becker" in Panik. Nachdem das West-Fernsehen eine Sendung über den Terrorismus ausgestrahlt hat, findet sie im Briefkasten ein anonymes Schreiben: "Wie kann man nur mit so einer Vergangenheit leben?" Albrecht ist enttarnt. Hektisch versucht die Stasi, aufkommende Gerüchte im Keim zu ersticken. Mutter und Sohn werden in Ost-Berlin untergebracht; der Ehemann, der noch immer keinen Verdacht geschöpft haben will, erhält im Raum Dresden eine neue Stelle. Man sieht sich nur am Wochenende. Erst im Februar 1988 gelingt dem MfS die Familienzusammenführung - in Dubna bei Moskau, wo die Beckers in einem Kernforschungsinstitut arbeiten.

Am Pfingstsonntag des Jahres 1990 kehrt die Familie aus der Sowjetunion zurück. Drei Tage später greifen fünf DDR-Kriminalpolizisten zu. Susanne Albrecht wird an die Bundesrepublik ausgeliefert.

http://www.morgenpost.de/desk/889309.html

 




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