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Montag, den 16. Juli, 2001 - 18:19
Veranstaltung in der
Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus
mit Elisabeth Graul
am 8. Juli 1993

"Die Farce" lautet der Titel des Buches, in dem Elisabeth Graul ihre Erinnerungen niedergelegt hat (erschienen im Magdeburger Verlag Im Puls 1991, 252 S., 2 Abb. 26,80 DM. ISBN 3-91014-604-X).
Dieser Titel ist eine bewußte Anlehnung an ein Diktum von Karl Marx, der zu Beginn seiner Schrift "Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte" festgestellt hatte, Geschichte ereigne sich oft zweimal; zunächst als Tragödie, dann als Farce.
Als eine Farce, als eine tragische Groteske sieht die Autorin auch jene elf Jahre und sieben Monate, die sie hinter Gefängnis- und Zuchthausmauern verbringen mußte.
Bevor sie in der Gedenkbibliothek mit ihrer Lesung begann, hielt Siegmar Faust einige einleitende Worte. Er, der selbst zwei Jahrzehnte nach Frau Graul ein ähnliches Schicksal erleiden mußte (wenn auch "nur" zwei Jahre lang), unterstrich, wie wichtig es sei, daß heute solchen Zeitzeugen die Möglichkeit gegeben wird, über ihre Leidenszeit zu berichten. Denn gegenwärtig ist man bereits wieder dabei, großzügig den Mantel des Vergessens zu breiten über all das, was Menschen wie Frau Graul im SED-Staat angetan wurde. Insbesondere jüngeren Menschen muß dieses Unglaubliche, das sie selber nicht erlebt haben und nicht für möglich halten wollen, glaubwürdig vermittelt werden, so daß sie sich auch als die Nachgeborenen in das, was andere, ältere erlebt haben, hineinziehen lassen und mitfühlen können.
Siegmar Faust erinnerte an seine eigene Kinder- und Jugendzeit in den fünfziger Jahren, als die zahllosen aus den KZ's befreiten Nazi-Opfer noch aus eigenem Erleben und sehr anschaulich der damaligen Jugend von ihren Leiden berichten konnten. Dies, so erzählte Faust, habe bei ihm schon in früher Zeit entscheidend zu einer absoluten Immunität gegenüber allen alt- oder neonazistischen Verführungen beigetragen.
Heute dagegen, fast fünfzig Jahre nach Kriegsende, kann die Jugend meist nur noch aus dritter Hand Informationen über die Nazi-Verbrechen erhalten. Lebende Zeitzeugen der NS-Diktatur sind selten geworden. Und gerade dieser Mangel an unmittelbaren, persönlichen Zeugnissen damals Betroffener kann jene Jugend heute auch anfälliger machen für braune Rattenfänger, die ihr erzählen wollen, der Nationalsozialismus habe doch auch seine guten Seiten gehabt und das mit dem Holocaust werde doch sowieso immer übertrieben. Deshalb ist es heute, wenige Jahre nach dem Ende der zweiten deutschen Diktatur, auch so wichtig, daß deren Opfer ebenfalls aufklärend wirken und allen DDR-nostalgischen Verharmlosungen glaubhaft entgegenwirken können.
Elisabeth Grauls Erinnerungen gehören auch zu dieser Art von Lebensschicksalen, die man immer mehr bekanntmachen muß.

Geboren 1928, absolvierte E. Graul ein Musikstudium, zunächst Erfurt, später Meisterklasse in Weimar. Doch da der Studienbetrieb in der klassischen Goethestadt bereits im Jahre 1950 sehr stark der kommunistischen Indoktrination unterworfen war, verließ die 22jährige Weimar und absolvierte ihr letztes Studienjahr (insgesamt zwölf Semester) am Sternschen Konservatorium in West-Berlin.
Schon sehr frühzeitig fühlte sie sich durch die Verhältnisse in der sowjetischen Besatzungszone bzw. in der gerade gegründeten DDR abgestoßen und zum Widerstand herausgefordert . Neben den Vergewaltigungen, Plünderungen und Demontagen durch die Rote Armee war sie vor allem entsetzt darüber, daß immer wieder Menschen, auch und gerade aus ihrem Bekanntenkreis, einfach "verschwanden", plötzlich von einem Tag auf den anderen "verschwanden" und niemand wußte, wo sie geblieben waren. Trotz oder gerade wegen der allgemeinen Gefährdung der Menschen im Osten und trotz/wegen der unheimlichen Allgegenwart des russischen NKWD und der ostdeutschen Staatssicherheit wurde bei E. Graul der Wunsch immer stärker, etwas dagegen zu unternehmen. Schließlich wurde sie im Herbst 1950 durch den Freund eines Vetters in West-Berlin bekanntgemacht mit dem Widerstandskreis "Jugend der Sowjetzone". Er war initiiert von dem in der Bundesrepublik legal arbeitenden "Bund deutscher Jugend", der sich im Osten eine illegale Tochtergesellschaft geschaffen hatte. Knapp ein Jahr lang, vom Herbst 1950 bis Sommer 1951, gehörte die junge Musikstudentin nun zu dieser Widerstandsgruppe, die insgesamt ca. 100 Personen umfaßte (Studenten, aber auch einige Lehrer waren darunter). Sie verteilten Flugblätter, klebten Plakate, beschrieben Wände. "Wehrt euch!", "Wehrt euch gegen das Unrecht!", "Wehrt euch gegen die Sowjetzonen-Diktatur!" - solche und ähnliche Parolen mußten die Herrschenden natürlich als höchste Bedrohung empfinden.
Insgesamt dreißig Mitglieder der Gruppe wurden schließlich innerhalb weniger Tage im Juli 1951 verhaftet, darunter auch Elisabeth Graul.
Vor Beginn ihrer Ferienreise nach Italien wollte sie noch einmal von ihrem Nebenwohnsitz West-Berlin aus kurz zurück zu ihrem Hauptwohnsitz Erfurt, um dort einiges Gepäck zusammenzupacken. Diesen kleinen Abstecher bezahlte sie mit elf Jahren Gefangenschaft, denn dort zu Hause wartete man bereits auf sie.
Zunächst in Erfurt in Untersuchungshaft, brachte man sie bald nach Berlin in den Stasi-Keller Hohenschönhausen (in das sogenannte U-Boot, auch "Grüne Hölle" genannt), wo sie sieben Monate blieb. Dort wechselten endlose Verhöre in der Nacht ab mit drakonischem Schlafverbot am Tage, und dies wochenlang. Die Verhöre wechselten zwischen Drohungen, Geschrei und Bluffs, dann wieder plötzlich scheinheilige Freundlichkeiten, Lockungen und Erpressungsversuche.
Zwischendurch immer wieder Aufenthalte in der dunklen Arrestzelle, weil E. Graul nicht zu bewegen war, Namen von Mitgliedern ihrer Gruppe zu nennen. Da sie ihre Kameraden nicht verriet, drohte man ihr, die Anklage von politischer Widerstandstätigkeit abzuändern auf Spionage, wofür sie mit der Todesstrafe rechnen müsse.
Ein Vernehmer forderte sie auf, ihm präzise zu schildern, wie sie den Geschlechtsverkehr mit ihrem Freund (der auch zu der Gruppe gehört hatte) "ausgeübt" habe. Als sie sich weigerte, schrie er: "Wir werden Ihnen die Beine wegschlagen, daß Sie hier vor mir auf dem Bauch kriechen. Sie haben die Diktatur des Proletariats bekämpft, nun werden Sie die Diktatur des Proletariats zu spüren bekommen!"
Hinzu kam bei der jungen Frau dann noch eine Kiefervereiterung mit schier unvorstellbaren Schmerzen, die jedoch in Hohenschönhausen (angeblich) nicht behandelt werden konnte. Erst später, als sie schon verurteilt und ins Zuchthaus Hoheneck überstellt worden war, operierte man sie.
Ende Januar 1952 erfolgte die Fahrt von Hohenschönhausen in das Gerichtsgefängnis in der Albrechtstraße Berlin-Mitte, denn nun sollte vor dem Obersten Gericht der DDR der Prozeß beginnen. Angeklagt waren zwälf Personen, darunter drei Frauen (eine von ihnen Elisabeth Graul). Die Gefangenen mußten auch jetzt, sogar vor Gericht, noch immer in denselben Kleidungsstücken auftreten, die sie bereits bei ihrer Verhaftung getragen hatten und die sie seitdem nicht ein einziges Mal waschen oder reinigen durften. Wie Stadtstreicher sahen sie aus, während sie vor Hilde Benjamin, damals Vizepräsidentin des Obersten Gerichts, und dem Generalstaatsanwalt der DDR, Ernst Melsheimer, stehen, sich deren Drohungen, Demütigungen und Beschimpfungen anhören mußten.
Nach mehrtägiger geheimer Verhandlung wurden am 20. Februar 1952 die Urteile gefällt. Die Hauptangeklagten Karl-Heinz Fischer, Ulrich Höfer und Herbert Schulz erhielten lebenslänglich Zuchthaus. Dreimal (darunter auch für E. Graul) wurden je fünfzehn Jahre, dreimal je zwölf Jahre und dreimal je zehn Jahre Zuchthaus verhängt.
(Später hat dann noch in Stralsund ein weiterer Prozeß gegen die übrigen verhafteten Gruppenmitglieder stattgefunden; sie erhielten Strafen unter zehn Jahren.)
Nach der Urteilsverkündung wurden E. Graul und die beiden anderen weiblichen Mitverurteilten in das Frauenzuchthaus Hoheneck/Sachsen verschickt. Auch jetzt noch trugen sie ihre alte, völlig zerschlissene und stinkende Kleidung; trotz Kälte und tiefem Schnee mußten sie barfuß auf einem ungeheizten LKW ihre Reise antreten.
Elisabeth Graul erzählte, daß sie heute noch nicht verstehen könne, wieso sie und ihre Leidensgefährtinnen während dieser eisigen Fahrt nicht todkrank geworden wären.
Erst nach ihrer Ankunft in Hoheneck wurden sie neu "eingekleidet": ausgediente VP-Uniformen als Häftlingskleidung. Auch hier zunächst wieder für über ein Jahr strengste Einzelhaft für Frau Graul, keinerlei Kontakte. Eine einzige Tätigkeit ließ man sie schließlich in ihrer Zelle verrichten: sie mußte in FDJ-Blusen Knopflöcher nähen. Neben dieser manuellen Arbeit versuchte E. Graul mit allen Mitteln, ihren Intellekt zu trainieren, um nicht total geistig abzustumpfen in dieser völligen Isolation. Sie repetierte immer wieder alles, was sie irgendwann, irgendwo in ihrem Leben gelernt hatte. Sie versuchte, sich Szenen ihres bisherigen Lebens vor ihr geistiges Auge zurückzuholen und reaktivierte so ununterbrochen ihr Gedächtnis und ihr Vorstellungsvermögen.
Vor allem jedoch hat sie in ihrer Zelle zahlreiche Gedichte verfaßt. Da sie jedoch weder Papier noch Schreibzeug besitzen durfte, hat sie bei Verhören ab und an ein Stück Bleistift vom Schreibtisch des Stasi-Beamten mitgehen lassen. Einzige genehmigte Lektüre der Häftlinge war das SED-Blatt "Tägliche Rundschau" (genannt "Klägliche Schundschau" und hier konnte E. Graul die Zeitungsränder abreißen, um darauf zu schreiben.
Doch im Laufe der Zeit konnte sie sich auch geistig ein Blatt Papier vorstellen, das sie von oben links nach unten rechts beschrieb, vollschrieb, numerierte und dann ein neues begann. Auch dies ein Geist- und Gedächtnistraining, in diesen imaginären Seiten pausenlos zu "blättern", auf ihnen bestimmte Zeilen und Passagen herauszufinden.
So entstanden u.a. auch die beiden folgenden Gedichte:

Ich bin nicht wie das Meer,
Und doch erfüllt mich ganz
Dies eine große flutende Gefühl.
Ich habe nicht die Kraft,
Die unerschöpfliche,
Die Flut und Ebbe
Jahr um Jahr gebiert.
Und dennoch brandet meine Seele
Stund um Stunde
An den Fels der Not.
Und jeder Wogenprall ist ein Gebet,
Zu sein wie Wasser,
Das sich nicht am Stein zerschlägt.


AN CHRISTUS

Ich bin ein Mensch nur,
Doch ich leide wie du.
Die Nägelmale in meinen Händen
Brennen wie deine
Und aus der Wunde unter dem Herzen
Quillt mein Blut wie deines.
Und Gott ist fern.
Durch seine Hände gleiten Sterne.
Wie früher weißer Sand
Durch meine Finger rann.
Ich habe seine Körner nie gezählt.
Man sagt: Gott zählt.
Ich sterbe vielleicht an Gott.
Wie du.
Wie tausend andere Menschen nur.
Wie ich.


Elisabeth Graul, dereinst im Elternhaus christlich erzogen, hatte durch die Hafterlebnisse auch jegliche religiöse Überzeugungen verloren und sollte erst viel später, lange Zeit nach ihrer Entlassung aus dem Zuchthaus, durch neue Einsichten wieder einen Weg zum Christentum und zur evangelischen Kirche zurückfinden. Ein wesentlicher Grund für ihre tiefe Glaubenskrise und für ihre Abkehr von religiösen Inhalten war vor allem, so erzählte sie, das vollständige Versagen der ev.-luth. Kirche während der Jahre ihrer Gefangenschaft. Diese Institution habe sich um sie und andere protestantische Mitgefangene während der ganzen Zeit fast überhaupt nicht gekümmert. Ganz im Gegenteil übrigens zu katholischen Häftlingen, die sowohl von ihrer Heimatgemeinde als auch vom zuständigen Bischofsamt vorbildlich unterstützt und seelsorgerlich betreut wurden. Der geringe Spielraum, den der atheistische SED-Staat den Kirchen im Bereich des Strafvollzuges einräumte, wurde von der katholischen Kirche bis zum äußersten ausgenutzt, von der evangelischen so gut wie gar nicht.


Exkurs: Pfarrer Eckart Giebeler, Jahrgang 1925, seit 1949 als Vikar zur Seelsorge in der Strafanstalt Brandenburg-Görden eingesetzt, war über vier Jahrzehnte lang einziger hauptamtlicher Gefängnisseelsorger in der DDR. Neben Brandenburg war er vor allem in Hoheneck, Halle, Waldheim, Torgau, Cottbus und Bautzen eingesetzt.
Nach dem Ende der DDR verfaßte der Geistliche ein Buch: "Hinter verschlossenen Türen."(R. Brockhaus Verlag, Wuppertal/Zürich 1992, Reihe "ABC team", Nr. 1004. 176 S. 19,80 DM. ISBN 3-417-11004-1) Es ist ein von einem Pietisten verfaßtes und bei einem pietistischen Unternehmen verlegtes, durchaus lesenwertes und aufschlußreiches Traktat. Giebeler schreibt darin u.a. über sich selbst: "Nun war ich offiziell bestallter evangelischer Pfarrer des größten Gefängnisses der DDR. Eine verantwortungsvolle Aufgabe hatte mir die Kirche übertragen, zu deren Lösung ich in Zukunft unablässig Gärtner- und Feuerwehrmentalität an den Tag zu legen haben würde." (S. 32) "Als Gefängnispfarrer in der DDR habe ich ungezählte Menschen, Frauen und Männer auf der tiefsten Stufe erlebt, hat man mich selbst immer wieder wegen meines Glaubens und Einsatzes für 'Staatsfeinde' gekränkt und erniedrigt. Ich habe in dieser Zeit gelernt, was die Würde des Menschen ausmacht." (S. 124) "...stärker noch als in allen anderen Anstalten durchschritt ich das Tor (von Bautzen II - H.B.) mit dem Gedanken an jenes Wort, das einst mein Konfirmator auf meine Konfirmationsurkunde schrieb: 'Fürchte Gott, sonst nichts auf der Welt.' Wenn mich Kollegen auf meinen Dienst in Bautzen II ansprachen, antwortete ich stets: 'Für mich handelt es sich um eine sehr komplizierte Anstalt. Es ist jedoch meine Aufgabe, auch dort den Gefangenen die gute Nachricht von Christus zu verkündigen und damit ein Stück menschliche Zuwendung zu bringen.'" (S. 126) "Ohne Vertrauen auf Gottes gnädige Führung hätte ich unter den extremen Bedingungen, unter denen ich meine Gefängnispredigten hielt (in Bautzen I - H.B.) nicht durchhalten können. Mißverstanden, vielleicht sogar politisch mißbraucht zu werden, mußte ich in Kauf nehmen. Ob ich mich immer richtig verhalten habe, weiß allein der Herr." (S. 169) "Kompromisse gegenüber dem Staat bin ich nur soweit eingegangen, als sie im Interesse meines Dienstes unbedingt notwendig waren. Dabei bewegte ich mich oft am äußersten Rand des Legalen...Als Seelsorger an den Opfern eines verbrecherischen Regimes möchte ich jedoch für alle inzwischen einsichtig gewordenen Menschenrechtsverletzer in der ehemaligen DDR ein Gebetswort Jesu am Kreuz abgewandelt nachsprechen: 'Vater, vergib ihnen, denn sie wußten nicht, was sie taten.'"(S. 172/173)
An einer anderen Stelle seines Buches erzählt Giebeler von einer für ihn schockierenden Erfahrung, die er im Jahre 1953 mit einem seiner Amtsbrüder, Pastor Hans-Joachim Mund, machen mußte: "Erst später erfuhr ich, daß Mund sich in einem anderen Dienstverhältnis als wir befand. Er lebte mit dem Antagonismus, einerseits der Michaelsbruderschaft (einer zu den Anglikanern neigenden evangelischen Gemeinschaft) anzugehören, andererseits Mitglied der SED und Gefängnisseelsorger im Rahmen eines Oberrates der Volkspolizei zu sein. Das geschah mit Wissen und wie es schien, auch Duldung der Kirche. Anfang der fünfziger Jahre war so etwas noch möglich. Später wäre dieser Modus undenkbar gewesen ... Die Tatsache jedoch, daß einmal ein Gefängnispfarrer der DDR einen Offiziersrang der VP hatte, brachte mir, der ich einen derartig extremen Kompromiß niemals eingegangen wäre, später auch mancherorts Mißtrauen ein." (S. 45/46)
Dem Thema Staatssicherheit widmet Giebeler mehrere Kapitel seines Bekenntnisbuches. Eines davon trägt die Überschrift "Spitzeltum" (S. 62 ff). Er schreibt darin sehr zutreffend: "Wehret den Anfängen. Wer den Stasileuten erst einmal den kleinen Finger reicht, kommt von ihnen nicht mehr los." (S.64/65).
Ein anderes Kapitel (S. 105 ff.) erzählt davon, daß ihn einmal in seiner Wohnung ein "Mann mit dem Gesicht eines Schauspielers" aufgesucht hatte, der sich als Mitarbeiter des MfS und mit dem Namen Fischer ausgewiesen habe und der ihn, Giebeler, anwerben wollte für Spitzeldienste. Die Reaktionen des Theologen auf dieses Ansinnen: "Den Gefallen tue ich Ihnen nicht ... Auf so etwas, wie Sie mir vorschlagen, lasse ich mich nicht ein ... über dieses Vorhaben brauchen wir uns nicht mehr zu unterhalten ... Nun ist aber genug mit der Spinnerei. Ich sage nein zu Ihrem Vorschlag ... Auf jeden Fall nehme ich mein Amt sehr genau. Was Sie von mir erwarten, ist eine Zumutung für einen Pfarrer. Die Realisierung Ihres Wunsches muß ich daher ablehnen." Denn, so Giebelers Resümee: "Für mich war die Sache doch klar. Ich würde mich als Pfarrer unglaubwürdig machen, wenn ich Praktiken, wie Fischer sie mir vorgeschlagen hatte, mitmachte." (S. 109-111)
"Mich erschreckte das Wort Staatssicherheit nicht, es begegnete mir jeden Tag vor allem aus dem Mund von Gefangenen. Wer mit politischen Gefangenen zu tun hatte, mußte sich an den Begriff Staatssicherheit gewöhnen, wie ein Friedhofsgärtner an den Begriff Tod." (S.106)
So eine weitere Maxime Giebelers aus demselben Kapitel, das er mit der Überschrift "Ich komme vom Ministerium für Staatssicherheit" versehen hatte.
Wenige Monate nach dem Erscheinen des Giebelerschen Bilanz- und Credo-Buches jedoch erhielt jener Satz "Ich komme vom Ministerium für Staatssicherheit" einen neuen, unerwartet doppeldeutigen Sinn: Der da vier Jahrzehnte lang DDR-Häftlinge mit großem persönlichen Einsatz und einfühlsamen Tröstungen versorgt haben wollte, entpuppte sich als IM "Roland", Major der VP und Träger des Vaterländischen Verdienstordens der DDR in Silber.
Auch dies ein beschämendes Kapitel der Politik jener "Kirche im Sozialismus", deren Auswirkungen bereits Elisabeth Graul in der Haft zu spüren bekommen hatte.


Nach einem Jahr der Isolation in Hoheneck wurde E. Graul plötzlich in einen Raum mit 120 gefangenen Frauen verlegt. Die abrupte Umstellung auf diesen für sie ohrenbetäubenden Lärm verursachte bei ihr, die durch die völlige Totenstille in der Einzelzelle zuvor fast Sprechverlust erlitten hatte, zunächst einen Nervenzusammenburch.
Später jedoch gelang es ihr - auch das ein Überlebenstraining - viele echte und tiefe Freundschaften zu anderen weiblichen Häftlingen aufzubauen.
Eine ihrer besten Kameradinnen, zu der sie auch nach der Haftentlassung weiterhin Verbindung hielt, war Margret Bechler. Im Rahmen der berüchtigten Waldheim-Prozesse hatte man Frau Bechler am 15.7.1950 zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Ihr Buch "Warten auf Antwort. Ein deutsches Schicksal" (Ullstein-Verlag, Frankfurt/Main, Berlin, 17. Aufl. 1992. 415 S., 19 Abb. 14,80 DM. ISBN 3-548-20390-6) ist der erschütternde Bericht einer Frau, die im Juni 1945 verhaftet worden war und bis zum April 1956 ein Martyrium durch die Haftanstalten und Lager Zwickau, Bautzen, Jamlitz, Mühlberg, Buchenwald, Waldheim und Hoheneck durchleiden mußte. Ihr Ehemann Bernhard Bechler - im zweiten Weltkrieg Major und fanatischer Nazi, der sich nach 1945 zur KPD und SED bekehrte und es in der DDR bis zum Chefinspekteur der Volkspolizei und Stabschef der NVA brachte - hatte sich von ihr scheiden lassen, sie dann wider besseres Wissen für tot erklärt und ihr schließlich (auch in den folgenden Jahrzehnten, bis in die neunziger Jahre hinein!) ihre beiden Kinder entzogen.
Beide Frauen, Elisabeth Graul und Margret Bechler, waren durch ihre ungebrochene Haltung, ihre Kameradschaft und Hilfsbereitschaft für viele Häftlinge zum Symbol dafür geworden, nicht aufzugeben und nicht die Menschenwürde zu verlieren.

Die späteren fünfziger Jahre brachten schließlich auch einige geringfügige Hafterleichterungen. So durfte man einmal im Monat einen Brief mit zunächst 15, später 20 Zeilen schreiben, einmal monatlich auch einen Brief erhalten (mit der gleichen Zeilenzahl).
Alle drei Monate durfte man für eine halbe Stunde Besuch empfangen. Die Pflegemutter von E. Graul hat diese Möglichkeit in all den Jahren ohne Ausnahme immer genutzt, obwohl es für sie jedesmal eine zweitägige Reise mit Übernachtung im nahegelegenen Stolberg bedeutete.
Auch sie, die heute 88 Jahre alt ist, hat viel dazu beigetragen, daß ihre Pflegetochter diese Zeit überstehen konnte.
1959 wurde E. Graul sogar gestattet, im Zuchthaus eine Kulturgruppe aufzubauen, um mit den Häftlingen Frühlings- und Erntefeste, Gedichts- und Gesangsstunden organisieren zu können. Anläßlich Schillers 200. Geburtstag im November desselben Jahres durfte sie eine Feststunde mit der in Beethovens 9. Sinfonie vertonten "Ode an die Freude", mit Szenen aus "Kabale und Liebe" und den "Räubern" sowie mit Rezitationen aus der "Bürgschaft" und dem "Handschuh" für die Gefangenen veranstalten.

Im Jahre 1957 war ihre Strafe von 15 auf 10 Jahre herabgesetzt worden. Im April 1962 erfolgte schließlich die Freilassung.
"Kein Mensch konnte aus Hoheneck so herauskommen, wie man hereingekommen war," sagte Frau Graul während der Veranstaltung in der Gedenkbibliothek. "Entweder man ist an dem Erlebten zerbrochen oder aber man ist daran, mochte es auch noch so schlimm gewesen sein, gewachsen. Ich habe immer ohne Selbstmitleid, aber auch ohne Rachegefühle gelebt, ja, sogar versucht, mich in meine Peiniger hineinzuversetzen... Am meisten habe ich mich gefreut, als vor einigen Wochen bei einer Lesung mir ein Zuhörer nur einen einzigen Satz sagte: 'Ihr Buch ist ohne Haß geschrieben.'"

Doch auch nachdem sie das Zuchthaus Hoheneck verlassen hatte, lasteten aus der Verurteilung noch außer dem Vermögensentzug (u.a. war auch das von den Eltern geerbte Haus in Erfurt beschlagnahmt worden) auch fünf Jahre Berufsverbot auf ihr.
Da sie in ihren Musikberuf nicht zurückkehren durfte, arbeitete sie zunächst in Magdeburg bei einem Puppentheater.
Doch diese ihr sehr liebgewordene Arbeit mußte sie nach 13 Jahren infolge eines Bandscheibenvorfalls (eine der Spätfolgen ihrer Haft) auch wieder aufgeben.
So entschloß sie sich zu einem erneuten Musik-Hochschulstudium in Weimar und absolvierte so als Fernstudentin ihren zweiten Abschluß. Seit Januar 1976 erteilte sie schließlich Klavierunterricht an der Bezirks-Musikschule in Magdeburg (diese Tätigkeit hat sie über 17 Jahre, bis zum Erreichen des Rentenalters im August 1993, ausgeübt; ihre Schule war inzwischen in "Georg-Philipp-Telemann-Musikschule" umbenannt worden).
Doch auch in diesen Jahren als DDR-"Insassin" hat es bei Elisabeth Graul niemals eine Schwankung gegeben. An "gesellschaftlichen Veranstaltungen" in ihrer Arbeitsstelle (wie z.B. Schule der sozialistischen Arbeit, Parteilehrjahr o.ä.) nahm sie ebensowenig teil wie an den sogenannten Wahlen.
Auch dies mag ein Grund gewesen sein, daß der Familienzusammenführungs-Antrag abgelehnt wurde, den ihre Patentante in Hannover über den "Bevollmächtigten der DDR für humanitäre Fragen", Stasi-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, gestellt hatte.

Insgesamt über zweieinhalb Jahrzehnte sollten nach ihrer Haftentlassung noch vergehen, ehe das verhaßte Regime endlich 1989 hinweggefegt wurde. Sie habe immer gehofft, aber es doch nie glauben können, dies erleben zu dürfen.
Ihrer Natur nach sei sie immer Optimistin gewesen, bekannte Elisabeth Graul am Schluß der Veranstaltung. Dennoch könne sie nicht verhehlen, daß auch die Zeit, die wir jetzt erleben, für sie in vieler Hinsicht besorgniserregend sei.
Am schlimmsten fände sie das neue Modewort, alles müsse "sich rechnen". Dieser ökonomische Materialismus, dieser Pragmatismus, diese, wie sie es nannte, "Erst-kommt-das-Fressen-dann-kommt-die-Moral-Mentalität", "dieses 'Wer erfolgreich ist, ist auch reich'", relativiere alles. Hinter dem nur rein Wirtschaftlichen würden heute alle echten Werte zurücktreten. Es sei nicht verwunderlich, wenn diese Ausrichtung auf das bloß Materielle besonders bei Jugendlichen entweder zum Egoismus oder zur völligen Orientierungslosigkeit führe. Wo keine echten Alternativen vermittelt werden können, keine tragbaren ethischen Werte, dort komme dann stattdessen bald die Sehnsucht nach einem System wieder auf, das über klare Parolen verfügt und dem Menschen eine eindeutige und einheitliche Richtung weist.
"Reden nicht auch heute schon wieder manche so wie die Generation meiner Eltern in den letzten Jahren der Weimarer Republik: es müsse endlich der derzeitige Saustall ausgemistet werden, ein starker Mann müsse her, der mit eisernem Besen endlich dem Chaos und dem Verfall Einhalt gebietet. Es ist die Sehnsucht nach dem "Ordnungs"staat a la Drittes Reich und/oder DDR, die hier zum Tragen kommt. Der Mensch ist eben immer wieder verführbar und lernt nur wenig dazu."

 






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